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Die Energien der Zukunft

7. Epilog: Die Arktis

Im März 2007 begann das vierte Internationale Polarjahr , ein Programm zur Erforschung der Arktis und der Antarktis. Daher kam es nicht überraschend, dass die Russische Föderation im August 2007 die Arktika-2007-Expedition startete, die zum ersten Mal den Meeresgrund nahe dem Nordpol erreichte. Auf dem Weg sammelte die Expedition Proben von Flora und Fauna und kartographierte den Lomonossow-Rücken, den Russland als Bestandteil des russischen Kontinentalschelfs ansieht.

Eine tatsächliche Überraschung war es dann jedoch, dass die beiden russischen U-Boote Mir-I und Mir-II am äußeren Rand eines riesigen Unterwassergebietes, das von Russland beansprucht wird, eine kleine Titanflagge aufstellten. Die Flagge steht im Epizentrum des internationalen Streites darüber, wem die Arktis gehört – eine Frage, auf die man in der Vergangenheit noch mit der Gegenfrage „Warum sollte das jemand wollen?“ reagiert hätte.

„Man nimmt an, dass die Arktis eine der größten verbliebenen Regionen mit Erdölvorkommen ist“, so der Runde Tisch von Kirkenes im Jahr 2005, der norwegische, russische, amerikanische und EU-Beamte zusammenbrachte. Vor allem die Barentssee könnte ein „neues europäisches Ölfördergebiet“ werden. Bereits im November 2004 hatte ein Bericht des Arktischen Rates, der aus 300 Wissenschaftlern aus den Anrainerstaaten der Arktis besteht, einen Bericht darüber veröffentlicht, dass sich die Arktis doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Erde. Das bedeutet auch, dass Schifffahrtswege durch die Arktis und die Einrichtung von Ölbohrinseln in zunehmendem Maße möglich werden, weil sich das arktische Eis bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um bis zu 50 Prozent zurückzieht.

Obwohl Russland abstreitet, mit dem Aufstellen der Flagge das Territorium in Besitz nehmen zu wollen, gab es heftige Proteste seitens der anderen Staaten, die Ansprüche auf die Arktis erheben. „Wir leben nicht im 15. Jahrhundert“, sagte der kanadische Außenminister. „Man kann nicht einfach auf der Erde herumlaufen und Flaggen aufstellen und sagen ‚dieses Gebiet gehört jetzt uns‘.“ Tatsächlich verleiht das internationale Recht Staaten die Kontrolle über eine 200-Seemeilen-Zone vor ihren jeweiligen Küsten. Der Teil der Arktis, der außerhalb dieser Zone liegt, wird zur Zeit von der Internationalen Meeresbodenbehörde verwaltet. Teile der Region werden auch von den Vereinigten Staaten (über Alaska), Dänemark (über Grönland) und Norwegen beansprucht.

Aber das Abschmelzen der Arktis ist nicht nur eine Gelegenheit zur Erschließung von Energiereserven. Im September 2007 hat die Europäische Raumfahrtagentur eine Pressemitteilung mit dem Titel „Satelliten beobachten die geringste Ausdehnung des arktischen Meereises in der Geschichte“ veröffentlicht. Der Artikel stellte fest, dass die Größe der Eisfläche in den letzten drei Jahrzehnten um durchschnittlich 100.000 Quadratkilometer abgenommen hat, dass aber im Jahr 2007 1 Mio. Quadratkilometer geschmolzen sind – der zehnfache Wert des Durchschnitts der vergangenen 30 Jahre.

Auf der Europa-Website der EU gibt es ein Magazin über europäische Forschungsprojekte, das auch einen Teil über die Polarregionen enthält und die Geschichte der arktischen Eisschmelze rund um den Pol und in Grönland darstellt: „Das Katastrophen-Szenario für die Arktis ist keine Science-Fiction. Was zu Beginn nur in Modellrechnungen auftauchte, ist mittlerweile durch Beobachtungen in diesem Gebiet hinlänglich bestätigt worden“ , schreibt der Artikel. Der Glaziologe Philippe Huybrechts von der Freien Universität Brüssel ergänzt: „Jedes Jahr verliert Grönland ungefähr 80 Kubikkilometer Eis bei einem geschätzten Gesamtvolumen von drei Millionen Kubikkilometern. Sollte die Eiskappe 20 Prozent ihres Volumens verlieren, wäre dieser Vorgang unumkehrbar.“ Um die Bedeutung selbst einer begrenzten Eisschmelze zu illustrieren, verweist der Artikel darauf, dass ein Abschmelzen des gesamten Grönlandeises den Meeresspiegel weltweit um 7,5 Meter steigen lassen würde. Aber selbst relativ geringe Schmelzprozesse in der Arktis haben eine große Bedeutung, da viele Städte und menschliche Ansiedlungen nur wenig oberhalb des heutigen Meeresspiegels liegen.

Die Eisschmelze hat auch andere Folgeerscheinungen. Weniger Eis bedeutet weniger Albedo, d.h. eine geringere Reflektion der Sonneneinstrahlung zurück ins All. Albedo trägt zur natürlichen Kühlung unseres Planeten bei, während Wasser das Sonnenlicht absorbiert und dadurch die Erde erwärmt. Süßwasser aus der Eisschmelze könnte außerdem die sogenannte thermohaline, durch Wärme und Salzgehalt ausgelöste Wasserzirkulation in den Ozeanen beeinflussen. Temperatur und Salzkonzentration wirken sich auf die Dichte und damit das spezifische Gewicht des Wassers aus. Warmes Wasser, das aus den Äquatorregionen in Richtung der Pole strömt, wird durch Verdunstung salziger und kühlt sich ab, so dass es auf den Meeresboden absinkt. Dieses Phänomen ist eine der Antriebskräfte des Golfstroms, der das europäische Klima bestimmt. Ohne Golfstrom könnte Europa Sibirien immer ähnlicher werden.

Der „arktische Goldrausch“, wie das Gerangel um Teile der Arktis auch genannt wird, bringt das Dilemma der europäischen Energiepolitik auf den Punkt – eine Situation, in der ökologische, weltpolitische und energiepolitische Vorstellungen sorgsam auf einander abgestimmt und weiterentwickelt werden müssen. Es ist keine Übertreibung, zu behaupten, dass die energie- und umweltpolitischen Entscheidungen, die wir im nächsten Jahrzehnt fällen, enorme Konsequenzen für Europa und die ganze Welt haben werden. Nobuo Tanaka, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, sagte im November 2007: „Die nächsten zehn Jahre werden aufgrund der schnell wachsenden Energieversorgungs-Infrastruktur für alle Länder... entscheidend sein. Wir müssen jetzt handeln, um die Investitionen radikal auf sauberere, effizientere und sichere Energietechnologien umzulenken.“

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